B1.1Aflevering

Der Altenberger Dom

De dom van Altenberg

Op een rustige zondag reist Alba spontaan naar de Altenberger Dom bij Keulen en is ze diep onder de indruk van de grote gotische kerk die alleen in het bos staat. Op de terugweg vertelt ze het aan Liam en beseft ze dat plekken die groter zijn dan jezelf iets in je kunnen veranderen.

De dom van Altenberg
0:00 / 0:00

Verhaal

Es ist ein Sonntag Anfang Mai, und Alba hat keinen Plan.

Das ist ungewöhnlich.

Normalerweise hat Alba am Wochenende Volleyball, oder einen VHS-Kurs, oder Jasmin schlägt etwas vor, oder Mona organisiert etwas, oder Yara klopft an die Tür mit Baklava.

Aber dieser Sonntag ist still – Jasmin ist bei ihrer Familie, Mona hat Training in einer anderen Stadt, und Jonas ist der einzige Mensch in der Wohnung, und Jonas putzt mit einer Gründlichkeit, die keinen Zweifel lässt: Heute ist Putztag, und man soll ihn dabei nicht stören.

Alba schaut aus dem Fenster.

Die Sonne scheint.

Köln ist schön an Maitagen wie diesem.

Sie öffnet ihr Handy und tippt in die Suchleiste: Ausflug Köln Umgebung Sonntag.

Zwanzig Minuten später sitzt sie in der S-Bahn Richtung Bergisches Land.

Der Altenberger Dom – das hat das Internet ihr erklärt – liegt etwa dreißig Kilometer östlich von Köln, mitten im Wald.

Er wurde im dreizehnten Jahrhundert begonnen, ist eine der bedeutendsten gotischen Kirchen Deutschlands, und er steht, anders als der Kölner Dom, nicht mitten in einer Stadt, sondern allein in einem Tal, umgeben von Bäumen.

In der Suchleiste erschien auch: oft überraschend menschenleer.

Menschenleer ist genau das, wonach Alba sich an diesem Sonntag sehnt.

Die S-Bahn fährt durch Vorortlandschaft, dann durch dichter werdende Wälder, dann hält sie in Odenthal-Altenberg – einem Ort, der aus einer Bushaltestelle, einem Parkplatz und dem Versprechen besteht, dass gleich etwas Besonderes kommt.

Alba geht zu Fuß.

Der Weg führt durch einen Buchenwald, der Boden ist noch feucht vom Regen der letzten Woche, das Licht filtert durch das frische Maigrün der Blätter wie durch Milchglas.

Es riecht nach Erde und nach etwas, das Alba aus ihrer Kindheit kennt, obwohl sie in Sevilla aufgewachsen ist und dort keine Buchenwälder gibt.

Das ist seltsam, denkt sie.

Manche Gerüche gehören nicht zu einem Ort.

Die gehören einem einfach.

Dann biegt der Weg ab, und der Dom steht da.

Alba bleibt stehen.

Er ist groß. Das hatte sie gewusst – aber Wissen und Sehen sind verschiedene Dinge.

Der Dom ragt aus dem Waldtal heraus wie etwas, das nicht von Menschen gemacht worden sein kann, obwohl er natürlich von Menschen gemacht worden ist, von Menschen über Jahrhunderte, Stein für Stein.

Die Fassade ist aus hellem Sandstein, die Maßwerkfenster sind so groß wie Hauswände, und die Fialen an den Türmen – das ist das Wort, das ihr später einfällt, Fialen, die spitzen Ziertürmchen – steigen in den blauen Maihimmel.

Um ihn herum: Wald.

Kein Café, keine Souvenirläden, keine Menschenmenge.

Nur der Dom und die Bäume und das leise Rauschen eines Baches irgendwo.

¿Qué es esto?, denkt Alba.

Was ist das?

Sie steht eine Weile einfach so da.

Dann geht sie langsam auf den Eingang zu.

Drinnen ist es kühl und still.

Das Licht kommt durch die Glasfenster – nicht die bunten, pompösen Fenster, die man aus großen Kathedralen kennt, sondern teilweise helles, klares Glas, das den Blick nach draußen auf den Wald freigibt.

An einer Stelle fällt Sonnenlicht durch ein Rautenmuster aus altem Glas und wirft bunte Flecken auf den Steinfußboden.

Alba setzt sich in eine der hinteren Reihen.

Es sind vielleicht zwanzig Menschen im Dom.

Manche beten, manche schauen, manche sitzen einfach.

Eine alte Frau mit einer Kerze.

Zwei Männer, die flüsternd fotografieren.

Ein Kind, das nach oben schaut und dann seinen Vater am Ärmel zupft – Wie hoch ist das?

– und der Vater flüstert eine Zahl zurück, die das Kind nicht befriedigt.

Alba schaut auch nach oben.

Das Gewölbe ist so hoch, dass der Blick verloren geht.

Die Rippen des Gewölbes laufen zusammen wie ein Fächer, der sich öffnet, und an den Pfeilern – schlanken Steinpfeilern, die ohne jede Schwere aussehen, obwohl sie das ganze Gewicht tragen – beginnen die Bögen, die alles halten.

Sie sucht nach Wörtern.

Auf Deutsch, weil Deutsch inzwischen die Sprache ist, in der sie Dinge beschreibt, die sie sieht.

Ein Bogen, der...

Nein. Die Pfeiler, die...

Auch nicht ganz.

Ein Gewölbe, das...

Relativsätze, denkt sie plötzlich.

Frau Henkel hat letzte Woche Relativsätze erklärt.

Ein Haus, das alt ist.

Eine Stadt, die ich kenne.

Ein Dom, der...

Ein Dom, der aussieht, als hätte er keine Schwerkraft.

Ein Dom, der im dreizehnten Jahrhundert begonnen wurde und im Wald steht.

Ein Dom, den ich nicht erwartet hatte.

Sie holt ihr Handy heraus – kurz, leise, sie achtet darauf – und schreibt Liam eine Nachricht:

Ich bin im Altenberger Dom, und ich hatte nicht gedacht, dass Deutschland so aussehen kann.

Dann steckt sie das Handy wieder weg und schaut einfach weiter.

Eine halbe Stunde später sitzt sie draußen auf einer Bank vor dem Dom, die Sonne auf dem Gesicht, und isst ein Brötchen, das sie am Bahnhof gekauft hat.

Der Bach hinter ihr rauscht.

Eine Amsel singt.

Der Dom steht.

Ein älterer Herr setzt sich an das andere Ende der Bank.

Er nickt ihr zu.

Sie nickt zurück.

Sie schweigen beide, aber es ist das angenehme Schweigen von zwei Menschen, die dasselbe gerade gesehen haben und keine Worte dafür brauchen.

Nach einer Weile sagt er, ohne sie anzuschauen:

Älterer herr:Beeindruckend, oder?

Alba:Sehr. (Pause) Ich bin zum ersten Mal hier.

Älterer herr:Das sieht man. (lächelt) Ich komme seit dreißig Jahren.

Älterer herr:Es hört nicht auf, beeindruckend zu sein.

Alba:Dreißig Jahre.

Älterer herr:Manchmal braucht man einen Ort, der größer ist als man selbst.

Älterer herr:Dann kommt man hierher.

Er steht auf, nickt noch einmal und geht.

Alba schaut ihm nach.

Dann schaut sie wieder auf den Dom.

Ein Ort, der größer ist als man selbst.

Das ist auch ein Relativsatz, denkt sie.

Auf der Rückfahrt in der S-Bahn, die Abendsonne durch das Fenster, klingelt ihr Handy.

Liam.

Liam:Alba! Ich habe deine Nachricht bekommen.

Liam:Der Altenberger Dom – ich kannte den gar nicht.

Alba:Ich auch nicht.

Alba:Ich habe ihn heute Morgen gegoogelt und bin einfach gefahren.

Liam:Und?

Liam:Wie war er?

Alba:(überlegt) Es ist schwer zu beschreiben.

Alba:Er steht mitten im Wald, fast allein – kein Stadtlärm, kein Touristenstrom.

Alba:Man geht einen Waldweg entlang, und dann ist er plötzlich da.

Alba:Groß. Alt. Und irgendwie...

Alba:(sucht das Wort) ...unvorbereitet.

Alba:Man ist nicht darauf vorbereitet.

Liam:Was hat dich am meisten überrascht?

Alba:Das Licht. Drinnen gibt es Stellen, wo das Glas einfach klar ist – kein buntes Buntglasfenster, sondern normales Glas, und man sieht den Wald draußen.

Alba:Ein gotischer Dom, der aus dem Wald schaut.

Alba:Das hatte ich nicht erwartet.

Liam:Das klingt außerordentlich.

Alba:Traumhaft. Das ist das Wort.

Alba:(lacht leise) Ich habe heute im Dom Relativsätze geübt.

Liam:Im Dom?

Alba:Frau Henkel hat letzte Woche Relativsätze erklärt.

Alba:Und im Dom – ich wollte beschreiben, was ich sehe, und alles, was ich dachte, war ein Relativsatz.

Alba:Ein Gewölbe, das keine Schwere hat.

Alba:Pfeiler, die alles tragen.

Alba:Ein Dom, den ich nicht erwartet hatte.

Liam:Das ist tatsächlich sehr gute Grammatikübung.

Alba:Das ist keine Übung.

Alba:Das war einfach so.

Alba:(Pause) Liam, ich glaube, ich verstehe jetzt besser, warum du im Deutschen Museum so lange geblieben bist.

Liam:Wegen der Grammatik?

Alba:Nein. Wegen des Gefühls, dass man an einem Ort ist, der größer ist als man selbst.

Alba:Das macht etwas mit einem.

Liam:(kurze Pause) Ja.

Liam:Genau das.

Alba:Wir sollten zusammen hinfahren.

Alba:Irgendwann.

Liam:Den Altenberger Dom?

Alba:Den Altenberger Dom.

Alba:Das Deutsche Museum.

Alba:Hamburg. (lacht) Wir haben noch sehr viel zu sehen.

Liam:Wir haben Zeit.

Alba:Ja. (schaut aus dem Fenster, die Vorortlandschaft zieht vorbei) Wir haben Zeit.

Eine kurze, angenehme Stille.

Liam:Gute Nacht, Alba.

Alba:Gute Nacht, Liam.

Begripsquiz