B1.1Épisode

Der Drachenfels

Le Rocher du Dragon

Mona convainc Alba de monter au Drachenfels, où elle découvre à la fois la vue magnifique et les codes particuliers de la randonnée. Au retour, elle décide qu’elle veut randonner plus souvent, mais avec de vraies chaussures de marche.

Le Rocher du Dragon
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Histoire

Alba wandert nicht.

Das ist keine besondere Eigenschaft von Alba – es ist einfach so, dass in Sevilla niemand wandert.

Man geht spazieren, man sitzt in Parks, man läuft durch die Altstadt bis Mitternacht.

Aber man zieht keine festen Schuhe an, nimmt einen Rucksack mit Proviant und steigt einen Berg hinauf.

Dafür gibt es in Sevilla keinen Berg und auch keinen offensichtlichen Grund.

Mona hat das anders gesehen.

Du bist seit anderthalb Jahren in Deutschland“, hatte Mona beim letzten Volleyballtraining gesagt, „und du warst noch nie im Siebengebirge.

Das ist direkt vor deiner Tür, Alba.

Wie weit?

Eine Stunde mit der S-Bahn.

Und dann?

Dann wandern wir auf den Drachenfels.

Dreihunderteinundsechzig Meter.

Nicht schwer. Aussicht auf den Rhein, Burgruine oben, Frühlingssonne.

Du wirst es lieben.

Alba hatte gezögert.

Mona hatte sie mit dem Blick angeschaut, den sie auch beim Volleyball einsetzt, wenn Alba beim Aufschlag zögert.

Alba hat zugesagt.

Am Samstagmorgen steht sie am Bahnhof Königswinter, in Turnschuhen – Mona hat ausdrücklich Wanderschuhe empfohlen, aber Alba besitzt keine –, mit einem kleinen Rucksack, in dem sich eine Wasserflasche, eine Tafel Schokolade und ein Sonnenschutzmittel befinden.

Mona steht neben ihr mit einem ordentlichen Wanderrucksack, festen Stiefeln und dem zufriedenen Gesichtsausdruck eines Menschen, der genau weiß, was heute passiert.

Mona:Turnschuhe.

Alba:Ich weiß.

Mona:Der Weg ist streckenweise steinig.

Alba:Ich weiß.

Mona:(kurze Pause) Na gut.

Mona:Dann los.

Der Weg beginnt harmlos – ein breiter, befestigter Pfad durch lichten Wald, die ersten Frühlingsknospen an den Ästen, die Luft kühl und nach Erde riechend.

Alba schaut sich um und denkt: Das ist eigentlich sehr schön.

Alba:Wie heißt das hier – der Weg?

Mona:Das ist der Hauptweg.

Mona:Weiter oben gibt es auch Trampelpfade – die sind kürzer, aber steiler.

Alba:Trampelpfad. Das klingt, als ob Tiere drübergelaufen sind.

Mona:Im Grunde schon.

Mona:Irgendwann laufen genug Leute drüber, und dann ist es ein Weg.

Mona:(zeigt nach vorne) Da oben siehst du schon die Burgruine.

Alba schaut hoch.

Zwischen den Bäumen, auf dem Felsen: tatsächlich eine Ruine, grau und zackig gegen den blauen Himmel.

Sie ist größer als erwartet.

Alba:Wer hat die gebaut?

Mona:Die Ruine stammt aus dem zwölften Jahrhundert.

Mona:Ursprünglich eine richtige Burg.

Mona:Im Laufe der Jahrhunderte verfallen.

Mona:(Pause) Und dann hat im neunzehnten Jahrhundert jemand ein Hotel daneben gebaut.

Alba:Ein Hotel. Neben einer mittelalterlichen Burgruine.

Mona:Die Deutschen sind pragmatisch.

Alba lacht.

Der Weg wird steiler.

Die Turnschuhe, das merkt Alba nach zwanzig Minuten, sind tatsächlich nicht ideal – die Sohlen haben zu wenig Grip, und auf den feuchten Steinen muss sie aufpassen.

Sie konzentriert sich auf jeden Schritt, was bedeutet, dass sie weniger redet, was Mona offenbar als angenehm empfindet.

Eine Gruppe älterer Wanderer kommt ihnen entgegen – Stöcke, Funktionsjacken, rote Wangen.

Ältere wanderin:Hallo! Schönes Wetter heute, gell?

Mona:Wunderschön! Lohnt sich der Aufstieg?

Ältere wanderin:Absolut. Oben ist der Blick heute klasse.

Ältere wanderin:Bis zum Kölner Dom sieht man!

Sie gehen weiter.

Alba schaut Mona an.

Alba:Man grüßt sich einfach?

Alba:Auf dem Wanderweg?

Mona:Das gehört dazu.

Mona:Auf dem Berg grüßt man sich immer.

Mona:Das ist so.

Alba:Auch Fremde?

Mona:Gerade Fremde. (lächelt) Auf dem Berg sind alle gleich.

Das findet Alba überraschend schön.

In der Stadt schaut man sich nicht an.

Hier nickt man sich zu, wünscht guten Weg, fragt nach dem Wetter.

Sie beschließt, beim nächsten Wanderer als Erste zu grüßen.

Beim nächsten Wanderer – ein Mann mit einem Hund – sagt sie: „Hallo!

Schöner Tag heute!

Der Mann nickt freundlich: „Sehr schöner Tag, ja.

Schönen Aufstieg!

Vamos, denkt Alba.

Das geht.

Oben, nach einer Stunde Aufstieg – Mona hat zweimal nachgeschaut, ob Albas Turnschuhe noch halten –, öffnet sich der Wald, und plötzlich ist da der Aussichtspunkt.

Alba bleibt stehen.

Der Rhein liegt tief unten, breit und glitzernd, die Ufer grün und braun und lebendig nach dem Winter.

Im Dunst am Horizont, gerade noch zu erkennen: die Silhouette des Kölner Doms.

Alba:Oh.

Mona:(stellt sich neben sie) Schön, oder?

Alba:Das ist... das ist sehr schön.

Alba:(Pause) Das ist sogar außerordentlich schön.

Alba:Wie heißt das auf Deutsch?

Alba:Wenn etwas wirklich, wirklich schön ist?

Mona:Wunderschön. Atemberaubend.

Mona:Traumhaft.

Alba:Traumhaft. (wiederholt das Wort langsam) Ja.

Alba:Das ist traumhaft.

Sie setzen sich auf eine Bank am Aussichtspunkt.

Mona holt zwei Äpfel und eine Packung Kekse aus ihrem Rucksack.

Alba holt ihre Schokolade.

Sie teilen, ohne viel zu reden, und schauen auf den Rhein.

Nach einer Weile zeigt Mona auf ein steinernes Kreuz etwas weiter oben.

Mona:Das ist das Gipfelkreuz.

Mona:Das steht auf dem höchsten Punkt.

Alba:Das Gipfelkreuz.

Alba:(schaut hin) Ist das religiös?

Mona:Manchmal. Manchmal ist es einfach Tradition.

Mona:Auf vielen Bergen in Deutschland steht eines – als Zeichen, dass man oben angekommen ist.

Alba:Ein Marker. Für den Gipfel.

Mona:Genau. (kurze Pause) Willst du rauf?

Alba:Natürlich.

Sie gehen die letzten Meter bis zum Kreuz.

Alba legt eine Hand an den Stein – er ist warm von der Märzsonne – und schaut noch einmal auf den Rhein.

Ich bin auf einem deutschen Berg, denkt sie.

Mit festen Schuhen wäre es noch besser gewesen.

Aber trotzdem.

Auf der Rückfahrt mit der S-Bahn, die Beine angenehm müde, ruft Alba Liam an.

Mona schläft neben ihr, den Kopf an die Scheibe gelehnt.

Liam:Alba! Wie war der Drachenfels?

Alba:Traumhaft.

Liam:Das klingt gut.

Alba:Das ist das neue Wort, das ich heute gelernt habe.

Alba:Traumhaft. Es bedeutet so schön wie ein Traum.

Alba:(Pause) Ich habe auch Trampelpfad gelernt.

Alba:Und Aussichtspunkt.

Alba:Und Gipfelkreuz.

Alba:Wandern hat eine eigene Sprache, Liam.

Liam:Das hat Deutschland im Allgemeinen.

Alba:Stimmt. (schaut aus dem Fenster, der Rhein zieht vorbei) Und man grüßt sich auf dem Wanderweg.

Alba:Alle. Auch Fremde.

Alba:Stell dir vor, in Köln würde man auf der Straße jeden grüßen, den man trifft.

Liam:Das wäre in München auch undenkbar.

Liam:Aber im Englischen Garten – da reden die Leute auch manchmal miteinander.

Liam:Als ob der Park andere Regeln hat als die Stadt.

Alba:Genau das! Als ob der Berg oder der Park ein anderer Ort ist, wo andere Regeln gelten.

Alba:Offenere Regeln.

Alba:(Pause) Liam, warst du schon mal in den Alpen?

Alba:Richtig wandern?

Liam:Noch nicht. Thomas redet schon seit Monaten davon.

Alba:Dann machen wir das, wenn ich nach München komme.

Liam:Die Alpen sind etwas anspruchsvoller als der Drachenfels.

Alba:Ich kaufe mir vorher Wanderschuhe.

Liam:Das wäre empfehlenswert.

Liam:Mona hat dir das wahrscheinlich auch gesagt.

Alba:Mona hat es sehr deutlich gesagt.

Alba:Zweimal. (lacht) Liam, ich glaube, ich werde öfter wandern.

Alba:Das ist... es ist anstrengend, aber auf eine gute Art.

Alba:Man denkt nicht an E-Mails oder Grammatik oder Artikel.

Alba:Man denkt nur an den nächsten Schritt.

Liam:Das klingt nach einer sehr deutschen Therapieform.

Alba:¡Ay! Vielleicht ist es das.

Alba:(schaut auf Mona, die immer noch schläft) Mona schläft gerade neben mir.

Liam:Wie war sie als Wanderbegleiterin?

Alba:Perfekt. Sie weiß alles über den Weg, sie hat Proviant dabei, und sie sagt einem genau, was man falsch macht – aber so, dass man sich nicht schlecht dabei fühlt.

Liam:Das klingt auch wie eine gute Eigenschaft für das Leben im Allgemeinen.

Alba:Das ist es. (Pause) Gute Nacht, Liam.

Alba:Ich muss jetzt schlafen.

Alba:Meine Beine verlangen es.

Liam:Gute Nacht, Alba.

Liam:Und – kauf dir Wanderschuhe.

Alba:Das werde ich. Das verspreche ich.

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