B1.1Episode

Die Landshuter Hochzeit

The Landshut Wedding

Liam visits the Landshut Wedding, a huge historical festival that transforms the city into the 15th century every four years. Impressed by the parade, market, and atmosphere, he buys a parchment reading “Basst scho” and plans to return with Alba in four years.

The Landshut Wedding
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Story

Thomas hat diesmal nur zwei Wörter gesagt: „Landshuter Hochzeit.

Liam kannte den Begriff nicht.

Er hat nachgeschaut.

Was er gefunden hat, war schwer zu glauben.

Alle vier Jahre verwandelt sich die Stadt Landshut – siebzig Kilometer nordöstlich von München, eine Stunde mit der Regionalbahn – für mehrere Wochen in das fünfzehnte Jahrhundert.

Fünfhundert Darsteller in originalgetreuen Kostümen, ein Festumzug durch die mittelalterliche Altstadt, Turniere, Märkte, Musik.

Das Ganze basiert auf einer echten Hochzeit aus dem Jahr 1475: Georg, Herzog von Bayern-Landshut, heiratete Hedwig, Tochter des polnischen Königs.

Das Fest dauerte damals achtzehn Tage.

Die Chronisten berichteten von zweitausend Ochsen, vierzigtausend Hühnern und einem Weinverbrauch, der jeden vernünftigen Menschen erschaudern lässt.

Das klingt sehr groß“, hatte Liam gesagt.

Es ist sehr groß“, hatte Thomas bestätigt.

„Und es findet nur alle vier Jahre statt.

Du hast Glück.

Das Glück nimmt Liam nicht auf die leichte Schulter.

Er kauft frühzeitig eine Tageskarte und fährt an einem Samstag Ende Juni allein nach Landshut.

Der erste Eindruck ist der Bahnhof – gewöhnlich, modern, nichts deutet darauf hin.

Aber dann, auf dem Weg in die Altstadt, beginnen die Zeichen: Menschen in mittelalterlicher Kleidung auf dem Gehsteig, ein Ritter, der gelassen sein Handy checkt, eine Gruppe Musiker mit Lauten und Trommeln, die eine Bäckerei passieren.

Liam bleibt beim Ritter stehen.

Ritter:(merkt den Blick, schaut auf sein Handy, dann auf Liam) Wir haben Pause.

Liam:Verstehe. Entschuldigung.

Ritter:(freundlich) Kein Problem.

Ritter:Erster Besuch?

Liam:Ja. Ich wohne in München.

Ritter:Dann wird das heute ein langer Tag.

Ritter:(nickt in Richtung Altstadt) Viel Spaß.

Die Altstadt von Landshut ist, das versteht Liam, sobald er sie betritt, für diesen Moment gemacht.

Die Trausnitzstraße – eine der schönsten mittelalterlichen Straßenzüge Deutschlands, gesäumt von Bürgerhäusern aus dem fünfzehnten Jahrhundert, überragt von der Burg Trausnitz auf dem Hügel – sieht heute nicht wie ein Schauplatz aus.

Sie sieht aus wie das Original.

Überall Stände mit Brot, Würsten, Met.

Schmiede, die arbeiten.

Gaukler. Falknerei.

Frauen in langen Gewändern, Männer in Kettenhemden.

Kinder in Miniaturversionen derselben Kostüme, die mit dem Ernst kleiner Menschen ihre Rollen spielen.

Und dann, um zwölf Uhr, beginnt der Festumzug.

Liam steht in der zweiten Reihe, eingekeilt zwischen einer bayerischen Familie und einer Reisegruppe aus Japan, und schaut zu, wie das fünfzehnte Jahrhundert an ihm vorbeizieht.

Ritter zu Pferd, deren Rüstungen in der Sonne glänzen.

Pagen mit Wimpeln.

Höflinge in Seide.

Die Brautgesellschaft – Hedwig, gespielt von einem jungen Mädchen aus der Stadt, mit dem Ausdruck einer Person, die die Würde ihrer Rolle vollständig verinnerlicht hat.

Dann Georg, der Bräutigam.

Die Ehrengäste.

Das Gefolge.

Alles stumm, außer den Trommeln und den Fanfaren.

Liam merkt irgendwann, dass er vergessen hat, Fotos zu machen.

Das ist ein gutes Zeichen.

Nach dem Umzug schlendert er durch die Marktstände.

Es gibt Schwerter, natürlich – immer Schwerter –, und Schmuck und Gewürze und Keramik.

Liam kauft nichts davon.

Dann findet er einen Stand mit handgeschriebenen Pergamenten – der Kalligraph sitzt hinter seinem Tisch, Federkiel, Tinte, Gänsehaut-Qualität.

Kalligraph:Was darf ich schreiben?

Liam überlegt. Dann sagt er:

Liam:Basst scho.

Der Kalligraph schaut auf.

Kalligraph:Das ist Bayerisch.

Liam:Ich weiß.

Kalligraph:Das steht auf einem Pergament aus dem fünfzehnten Jahrhundert.

Liam:Vielleicht haben die das damals auch gesagt.

Der Kalligraph überlegt eine Sekunde.

Dann lacht er und greift zum Federkiel.

Zehn Minuten später hat Liam ein Pergament mit kalligraphisch verschnörkeltem Basst scho in der Hand, gerollt und mit einem Lederband gebunden.

Es kostet fünfzehn Euro.

Es ist das klügste Geld, das er in diesem Jahr ausgegeben hat.

Am Nachmittag sitzt er auf den Stufen der Stadtresidenz – dem Renaissance-Palast mitten in der Altstadt, der wie ein verirrter Florentiner zwischen bayerischen Bürgerhäusern steht –, isst ein Stück Brot mit Schmalz, das er von einem Stand gekauft hat, und schaut auf die Trausnitzstraße.

Die Darsteller gehen vorbei, manche noch in Kostüm, manche schon halb im Alltag – eine Rüstung, darunter Turnschuhe.

Das fünfzehnte Jahrhundert und das einundzwanzigste überlagern sich, und Liam findet das nicht störend, sondern richtig.

Geschichte ist nicht von heute getrennt.

Sie ist immer gleichzeitig.

Was für ein Land, denkt er.

Nicht zum ersten Mal – aber mit anderen Augen als beim ersten Mal.

Im Zug zurück nach München, das gerollte Pergament in der Tasche, ruft Liam Alba an.

Alba:Liam! Landshuter Hochzeit – wie war es?

Liam:Ich habe vergessen, Fotos zu machen.

Alba:Das bedeutet, es war gut.

Liam:Das bedeutet, es war sehr gut.

Liam:(Pause) Alba, es ist ...

Liam:schwer zu beschreiben.

Liam:Fünfhundert Menschen in Kostümen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in einer Altstadt, die tatsächlich aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt.

Liam:Kein Disneyland – echte Häuser, echte Geschichte, und dann diese Menschen, die das zum Leben erwecken.

Liam:Der Festumzug war so still und gleichzeitig so groß, dass man nicht wusste, was man zuerst anschauen sollte.

Alba:Das klingt wie der Altenberger Dom – aber mit Menschen.

Liam:(überlegt) Ja.

Liam:Genau das. Ein Ort, der größer ist als man selbst – aber diesmal mit fünfhundert Leuten darin.

Alba:Und was hast du gekauft?

Liam:Ein Pergament.

Alba:Mit was drauf?

Liam:Basst scho.

Eine Pause. Dann lacht Alba – laut und echt und so, dass sich Liam vorstellen kann, wie sie dabei aussieht.

Alba:Du hast dir Basst scho auf ein mittelalterliches Pergament schreiben lassen.

Liam:Der Kalligraph war zuerst skeptisch.

Liam:Dann hat er gelacht und es gemacht.

Alba:Das ist das bayerischste Souvenir der Geschichte.

Liam:Ich weiß. Ich hänge es neben den Kaktus.

Alba:Den Kaktus, der allein ist.

Liam:Der Kaktus ist nicht mehr allein.

Liam:Er hat jetzt ein Pergament.

Alba:(lacht wieder) Das ist das Traurigste und gleichzeitig das Schönste, was du je gesagt hast.

Liam:Ich nehme das als Kompliment.

Alba:(Pause, dann ruhiger) Liam.

Alba:Das Fest findet alle vier Jahre statt, hast du gesagt?

Liam:Ja.

Alba:Dann müssen wir in vier Jahren zusammen hinfahren.

Liam:Das ist eine sehr langfristige Planung.

Alba:Ich bin Spanierin.

Alba:Wir planen spontan.

Alba:Aber manchmal auch vier Jahre im Voraus.

Alba:(Pause) Abgemacht?

Liam:Abgemacht.

Alba:Gut. Gute Nacht, Liam.

Liam:Gute Nacht, Alba.

Er legt das Handy weg und schaut aus dem Fenster.

Die bayerische Landschaft zieht vorbei – Felder, Wälder, Kirchturmspitzen gegen den Abendhimmel.

In der Tasche: ein Pergament mit Basst scho, gerollt und mit Lederband.

Er denkt an Thomas' Satz vom Tegernsee: München ist nicht das Ende – München ist der Ausgangspunkt.

Und dann denkt er: Zwei Jahre.

Und das hier ist erst der Anfang.

Well, denkt Liam.

Basst scho.

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