Der Tegernsee
Озеро Тегернзе
Лиам едет с Томасом на Тегернзе и поражается бирюзовому озеру, горам и баварской атмосфере вокруг. По дороге обратно он понимает, что Мюнхен уже ощущается как дом — не как конечная точка, а как отправная.

История
Thomas hat seit Monaten vom Tegernsee geredet.
Nicht aufdringlich – Thomas ist kein aufdringlicher Mensch –, aber mit der ruhigen Überzeugung von jemandem, der etwas weiß und wartet, bis der andere bereit ist.
Einmal nach dem Oktoberfest.
Einmal nach der Steuererklärung.
Einmal, als Liam vom Deutschen Museum erzählt hat: „Das Museum ist gut.
Aber den Tegernsee hast du auch noch nicht gesehen.
Liam hatte das jedes Mal als freundliche Bemerkung abgetan.
Dann hat er eines Abends auf Google Maps geschaut.
Tegernsee: fünfzig Kilometer südöstlich von München.
Eineinhalb Stunden mit der S-Bahn.
Alpenpanorama. Wassertemperatur im Mai noch kalt, aber der See selbst – türkisblau auf dem Foto, umgeben von Hügeln, dahinter schneebedeckte Gipfel – sah aus wie etwas, das man nicht mit dem Wort „interesting“ beschreiben sollte.
Am nächsten Morgen hat er Thomas geschrieben: „Samstag Tegernsee?
Thomas hat nach vier Sekunden geantwortet: „Endlich.
Die S-Bahn fährt durch Vorstädte, dann durch flaches Voralpenland, dann durch Orte, die immer kleiner und immer bayerischer werden – Holzzäune, Blumenkästen, Kirchtürme mit Zwiebeldach.
Liam schaut aus dem Fenster und sagt nichts.
Thomas liest die Zeitung.
Das ist die Art von Reise, die keine Unterhaltung braucht.
Am Bahnhof Tegernsee steigen sie aus.
Liam tritt auf den Vorplatz – und hält inne.
Die Luft ist anders.
Klarer, kühler, mit einem Hauch von etwas, das Liam nicht benennen kann – Kiefern, vielleicht, oder der See, oder einfach die Berge, die so nah sind, dass man das Gefühl hat, sie müssten hörbar sein.
Und dann, am Ende der Hauptstraße, wo der Ort aufhört und das Wasser beginnt: der See.
Liam:Oh.
Thomas:(nickt, ohne hinzuschauen) Ja.
Liam:Er ist... türkis.
Thomas:Das Gletscherwasser.
Thomas:Das macht die Farbe.
Liam:Er ist wirklich türkis.
Thomas:Das habe ich dir gesagt.
Liam:Das hast du mir gesagt.
Sie gehen am Ufer entlang – ein schmaler Weg zwischen dem Wasser und den Gärten der alten Villen, deren Besitzer man sich entweder als sehr reiche Münchner oder als sehr alte Familien vorstellt, die schon immer hier waren.
Das Wasser liegt still und klar, und man sieht auf den Grund, tief genug, dass es einem leicht schwindlig wird.
Auf der anderen Seite des Sees: Berge.
Nicht die dramatischen Gipfel der Hochalpen, sondern die sanfteren Voralpenkämme – bewaldet bis zur Baumgrenze, darüber Fels und noch ein paar Schneefelder, die den Mai noch nicht ganz akzeptiert haben.
Liam:Wie heißen die Berge da drüben?
Thomas:(schaut hin, überlegt) Der höchste rechts ist der Wallberg.
Thomas:Und dahinter beginnt schon das Karwendel.
Liam:Das Karwendel.
Thomas:Ein Gebirge. Gehört teils zu Österreich.
Thomas:Sehr schön zum Wandern.
Liam:Ich habe jetzt Wanderschuhe.
Thomas:(schaut ihn an) Wirklich?
Liam:Alba hat mich dazu überredet.
Thomas:Ich wusste, dass Alba die Vernünftigere von euch beiden ist.
Gegen Mittag setzen sie sich auf die Terrasse eines Biergartens direkt am See – weiße Holztische, Sonnenschirme, das Wasser keine zehn Meter entfernt.
Thomas bestellt zwei Weißbiere und zwei Portionen Obazda mit Brezn, ohne zu fragen.
Liam hat keine Einwände.
Das Weißbier kommt.
Liam hebt das Glas und schaut durch das trübe Gold auf den See und die Berge dahinter.
Es ist das bayerischste Bild, das er je gesehen hat, und er ist mittendrin.
Thomas:Prost.
Liam:Prost. (trinkt, schaut) Thomas.
Liam:Ich verstehe jetzt, warum ihr alle so seid.
Thomas:Wie sind wir?
Liam:Stolz. Auf Bayern, auf München, auf...
Liam:das hier. (zeigt auf den See, die Berge, die Sonne) Wenn man das vor der Haustür hat, versteht man, warum man nicht woanders hin will.
Thomas schaut ihn an.
Dann nickt er – langsam, einmal, mit dem Gesicht eines Menschen, dem gerade etwas Wichtiges bestätigt wurde.
Thomas:Das ist der klügste Satz, den du je gesagt hast.
Liam:Ich schreibe ihn auf.
Thomas:Tu das.
Eine Weile sitzen sie still.
Ein Ruderboot zieht langsam über den See.
Irgendwo spielt ein Radio, zu leise, um den Sender zu erkennen.
Eine Biene umkreist den Obazda und entscheidet sich dann dagegen.
Thomas:Weißt du, was ich am meisten mag an Bayern?
Liam:Was?
Thomas:Dass man in fünfzig Kilometern von der Großstadt in das hier kommt.
Thomas:München ist nicht das Ende – München ist der Ausgangspunkt.
Liam:(schaut auf den See) Das ist ein guter Gedanke.
Thomas:Ich denke manchmal gute Gedanken.
Thomas:Meistens beim Weißbier.
Liam:Dann sollten wir öfter Weißbier trinken.
Thomas:Das ist der zweitklügste Satz, den du je gesagt hast.
Auf dem Rückweg – sie gehen noch einmal am Ufer entlang, diesmal zur anderen Seite des Ortes, wo die Touristengruppen seltener werden und nur noch einzelne Spaziergänger und Hunde und ein alter Mann mit einer Angel sind – fragt Thomas beiläufig:
Thomas:Und?
Thomas:Bleibst du in München?
Liam:(kurze Pause) Das habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht gefragt.
Thomas:Wirklich nicht?
Liam:Ich habe das erste Jahr damit verbracht, anzukommen.
Liam:Das zweite damit, zu verstehen.
Liam:Ich glaube, im dritten stellt man sich die Frage, wo man bleiben möchte.
Thomas:Und?
Liam:(schaut auf den See) Frag mich am Tegernsee im dritten Jahr.
Thomas lacht. Das ist für Thomas ein sehr befriedigendes Gespräch.
Im Zug zurück, die Abendsonne schräg durch die Fenster, ruft Liam Alba an.
Alba:Liam! Wie war der Tegernsee?
Liam:Du musst nach München kommen und ihn sehen.
Alba:Das ist die gleiche Nachricht, die ich dir nach Rhein in Flammen geschickt habe.
Liam:Ich weiß. Jetzt verstehe ich, warum du es geschrieben hast.
Liam:(Pause) Der See ist türkis.
Liam:Nicht hellblau – wirklich türkis, wegen des Gletscherwassers.
Liam:Und dahinter stehen die Berge.
Liam:Und dazwischen sitzt man im Biergarten und trinkt Weißbier.
Alba:Das klingt wie eine Postkarte.
Liam:Es sieht auch wie eine Postkarte aus.
Liam:Aber es ist echt.
Alba:Und Thomas?
Liam:Thomas war sehr zufrieden mit sich.
Liam:Er hat mir fünfzig Kilometer außerhalb von München erklärt, warum München der beste Ausgangspunkt der Welt ist.
Alba:(lacht) Das klingt wie Thomas.
Liam:Er hat auch einen guten Satz gesagt: München ist nicht das Ende – München ist der Ausgangspunkt.
Liam:(Pause) Das hat mich an etwas erinnert, das du mal gesagt hast.
Liam:In Köln – dass Köln sich anfühlt wie dein Köln.
Alba:Ja?
Liam:Ich glaube, München fühlt sich inzwischen wie mein München an.
Liam:Nicht das Ende einer Reise.
Liam:Der Ort, von dem aus man losfährt.
Alba:Das ist sehr schön, Liam.
Liam:Thomas hat gesagt, das ist der klügste Satz, den ich je gesagt habe.
Liam:Aber das war eigentlich Thomas' Satz.
Alba:Ihr seid beide klug.
Alba:Beim Weißbier.
Liam:Das hat Thomas auch gesagt.
Alba:(lacht) Liam, wir müssen zusammen zum Tegernsee, wenn ich das nächste Mal nach München komme.
Liam:Nächstes Mal Tegernsee.
Liam:Das ist eine—
Alba:Das ist ein Wunsch.
Alba:Sag nicht Pflicht.
Liam:(kurze Pause, dann lachend) Du hörst gut zu.
Alba:Zwei Jahre Deutschkurs.
Alba:Ich höre sehr gut zu.
Alba:(Pause) Gute Nacht, Liam.
Liam:Gute Nacht, Alba.
Er legt das Handy weg und schaut aus dem Zugfenster.
Die Voralpenwelt zieht vorbei – Hügel, Wälder, die letzten Höhenmeter, bevor es flach wird und München beginnt.
In einer Stunde ist er zu Hause.
Zu Hause, denkt er.
Das Wort passt jetzt.
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