Chiemsee und Herreninsel
Озеро Кимзе и остров Херренинзель
Лиам посещает Херренкимзее и поражается незавершённому дворцу Людвига II, который должен был превзойти Версаль. По дороге обратно он разговаривает с Альбой, только что закончившей курс B1, и они понимают, что некоторые вещи остаются незавершёнными, но всё равно прекрасны.

История
Liam hat Thomas nach dem Tegernsee-Ausflug gefragt, ob es noch mehr solche Orte gäbe.
Thomas hat ihn angeschaut, als wäre das eine sehr naive Frage.
Liam“, hat er gesagt, „wir leben in Bayern.
Und dann hat er eine Liste aufgeschrieben.
Der Chiemsee stand an erster Stelle – „der bayerische Binnensee, das Meer der Bayern“ –, mit einer Notiz darunter: Herreninsel.
Unbedingt. Fähre nehmen.
Ludwig II.
Liam kennt Ludwig II.
Aus dem Internet, aus gelegentlichen Hinweisen von Thomas, aus dem Bayern-Bild, das man schon vor der Ankunft im Kopf hat: ein exzentrischer König, Schloss Neuschwanstein, Märchen und Musik und ein früher Tod im See.
Aber Herrenchiemsee hatte Liam nicht auf dem Radar – bis er die Fotos gesehen hatte.
Ein Schloss, das größer sein sollte als Versailles.
Das klingt nach jemandem, den Liam verstehen möchte.
Er fährt an einem Samstag Mitte Juni allein.
Der Chiemsee ist, das versteht Liam beim ersten Blick vom Ufer, tatsächlich ein Meer.
Nicht im wörtlichen Sinn – aber in der Wirkung: das Wasser so breit, dass das andere Ufer im Dunst verschwindet, die Alpen dahinter wie eine Kulisse, die jemand vergessen hat wegzuräumen.
An diesem Samstag ist der Himmel blau, das Wasser glitzert, und am Steg von Prien wartet die Fähre zur Herreninsel.
Liam kauft ein Kombiticket – Fähre und Schlossführung – und findet einen Platz auf dem Sonnendeck.
Neben ihm setzt sich eine ältere Dame, weißes Haar, eine Strickjacke, obwohl es warm ist, ein kleines Buch in der Hand, das sie nicht aufschlägt.
Sie nickt Liam zu.
Er nickt zurück.
Das Wasser zieht am Boot vorbei, die Insel nähert sich – dicht bewaldet, nur der Schlossgiebel ragt über die Baumwipfel.
Ältere dame:Zum ersten Mal?
Liam:Ja. Ich wohne seit zwei Jahren in München – aber Herrenchiemsee habe ich noch nicht gesehen.
Ältere dame:Das ist sehr verzeihlich.
Ältere dame:(lächelt) Man spart sich das Beste manchmal für später.
Liam:Ist es wirklich das Beste?
Ältere dame:Es ist das Seltsamste.
Ältere dame:Ob es das Beste ist, entscheiden Sie selbst.
Das Schloss Herrenchiemsee empfängt einen mit einem Paradoxon: Es ist riesig und unfertig zugleich.
Die Fassade ist vollständig, majestätisch, symmetrisch bis zur Pedanterie – und dahinter, im Inneren, hören die fertiggestellten Räume irgendwann auf und werden zu nackten Ziegelwänden.
Ludwig II. hatte das Geld ausgegangen.
Oder die Zeit. Oder beides – er starb 1886, das Schloss war seit drei Jahren im Bau.
Die Führung beginnt im prunkvollsten Raum: dem Spiegelsaal.
Siebzehn Fenster, siebzehn Spiegelbögen, Kronleuchter mit tausend Kerzen, das Gold an Wänden und Decken so reichlich, dass man sich fragt, ob Schönheit irgendwann in ihr Gegenteil kippt.
Führerin:Ludwig II. ließ diesen Saal nach dem Vorbild des Spiegelsaals von Versailles bauen – aber größer.
Führerin:Siebenundsiebzig Meter, verglichen mit zweiundsiebzig in Versailles.
Liam schaut an der langen Spiegelflucht entlang.
Er wollte Versailles übertreffen, denkt er.
Nicht kopieren – übertreffen.
Führerin:Bemerkenswert ist, dass Ludwig dieses Schloss nie wirklich genutzt hat.
Führerin:Er hätte hier wohnen können – hätte hier regieren können.
Führerin:Stattdessen besuchte er es nur wenige Male, meist nachts, allein, bei Kerzenlicht.
Liam:(leise, für sich) Nachts, allein, bei Kerzenlicht.
Das klingt weniger nach einem König und mehr nach jemandem, der einen sehr teuren Ort gebaut hat, um ihn dann zu meiden.
Nach der Führung geht Liam durch den Schlosspark, der mit geometrischer Präzision angelegt ist – Brunnen, Hecken, Wege, die sich symmetrisch verzweigen.
Er findet eine Bank am Rande des Parks, von der aus man zwischen den Bäumen hindurch auf den See schaut.
Die ältere Dame von der Fähre sitzt bereits dort.
Liam:Darf ich?
Ältere dame:Bitte.
Sie sitzen eine Weile schweigend.
Dann:
Liam:Ich versuche, Ludwig II.
Liam:zu verstehen. Und ich glaube, ich schaffe es nicht.
Ältere dame:Was verstehen Sie nicht?
Liam:Warum. Warum dieses Schloss, dieser Aufwand, diese...
Liam:Größe. Er hätte ein angenehmes Königsleben führen können.
Liam:Stattdessen hat er sein Land fast in den Ruin getrieben für etwas, das er selbst kaum benutzt hat.
Ältere dame:(denkt nach) Vielleicht wollte er beweisen, dass Bayern genauso groß sein konnte wie Frankreich.
Ältere dame:Dass man nicht in Paris sein musste, um Versailles zu haben.
Liam:Aber Versailles in Bayern ist trotzdem nicht Versailles.
Ältere dame:Nein. Es ist Herrenchiemsee.
Ältere dame:(Pause) Das ist vielleicht sogar besser.
Ältere dame:Versailles ist voller Menschen.
Ältere dame:Herrenchiemsee – wenn man früh kommt – ist fast leer.
Ältere dame:Man hat das Ganze für sich.
Liam schaut auf das Schloss zwischen den Bäumen.
Der Spiegelsaal, die Kronleuchter, das unfertige Mauerwerk dahinter.
Liam:Er hätte mehr Zeit gebraucht.
Ältere dame:Er hätte viele Dinge gebraucht.
Ältere dame:(lächelt) Aber das kann man von vielen sagen.
Sie öffnet ihr Buch.
Das Gespräch ist beendet, freundlich und ohne Abschluss, so wie Gespräche mit Fremden enden – vollständig, weil man sich nie wieder sehen wird.
Liam bleibt noch eine Weile sitzen.
Die Alpen am Horizont über dem See.
Das unfertige Schloss im Rücken.
Er hätte mehr Zeit gebraucht, denkt er.
Wir alle brauchen mehr Zeit, als wir denken.
Auf der Rückfahrt – Fähre, S-Bahn, die Voralpenwelt, die an ihm vorbeizieht – ruft Liam Alba an.
Alba:Liam! Wie war der Chiemsee?
Liam:Schön. Sehr schön.
Liam:Aber das Schloss war das Eigentliche.
Alba:Herrenchiemsee!
Alba:Ich habe Bilder gesehen.
Alba:Der Spiegelsaal?
Liam:Siebzehn Fenster, siebzehn Spiegelbögen.
Liam:Größer als Versailles – oder so war der Plan.
Liam:Aber unfertig. Ludwig II.
Liam:ist gestorben, bevor er es vollenden konnte.
Alba:Das klingt traurig.
Liam:Ja. Aber auch...
Liam:ich weiß nicht.
Liam:Eine ältere Dame auf der Fähre hat etwas gesagt: Versailles ist voller Menschen.
Liam:Herrenchiemsee ist fast leer.
Liam:Man hat das Ganze für sich.
Alba:Das ist eine gute Art, es zu sehen.
Liam:Ludwig hätte mehr Zeit gebraucht.
Liam:Das habe ich gedacht, als ich auf dem Schloss saß.
Liam:(Pause) Er hat dreizehn Jahre gebaut – und genutzt hat er es kaum.
Liam:Er hätte früher anfangen müssen, oder länger leben müssen, oder bescheidener sein müssen.
Alba:Oder er hat es genau richtig gemacht und hat einfach nicht gewusst, wie die Geschichte ausgeht.
Liam:Das ist eine sehr großzügige Interpretation.
Alba:Ich bin Spanierin.
Alba:Wir sind großzügig mit verrückten Königen.
Alba:(Pause) Liam, ich muss dir etwas sagen.
Liam:Was?
Alba:Ich habe heute meinen B1-Kurs abgeschlossen.
Liam hält inne.
Liam:Wirklich?
Liam:Heute?
Alba:Heute war die letzte Stunde.
Alba:Frau Henkel hat uns gratuliert.
Alba:Danuta hat geweint – ein bisschen.
Alba:Tuan hat Glückskekse mitgebracht, selbstgemacht.
Alba:Kemal hat allen die Hand gegeben, sehr förmlich, und dann doch noch gelächelt.
Liam:Und du?
Alba:Ich habe gedacht: Vor einem Jahr habe ich das Feedback geschrieben.
Alba:Jetzt erkläre ich Relativsätze.
Liam:Das ist ein langer Weg.
Alba:Ein langer Weg.
Alba:(kurze Pause) Und kein Ende.
Alba:Das weiß ich jetzt auch.
Liam:Danuta nach dreizehn Jahren.
Alba:Danuta nach dreizehn Jahren.
Alba:(lacht leise) Aber weißt du was?
Alba:Das ist jetzt kein bedrückender Gedanke mehr.
Alba:Es ist einfach...
Alba:wie es ist. Man lernt weiter.
Alba:Das ist gut.
Eine ruhige Stille.
Liam:Glückwunsch, Alba.
Alba:Danke. (Pause) Und du – hast du heute etwas gelernt?
Liam:(schaut aus dem Zugfenster, die Berge am Horizont) Dass manche Dinge unfertig bleiben und trotzdem schön sind.
Liam:Vielleicht sogar schöner.
Alba:Das klingt sehr weise für einen Samstag.
Liam:Ich war auf einer Insel mit einem unfertigen Schloss.
Liam:Das macht was mit einem.
Alba:(lacht) Gute Nacht, Liam.
Liam:Gute Nacht, Alba.
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