Neue Freunde (Liam)
Nuevos amigos (Liam)
Liam decide esforzarse por conocer gente nueva en Múnich y se une a un grupo de corredores. Aunque correr le resulta duro, pronto se da cuenta de que las conversaciones le importan más que el deporte en sí.

Historia
Nach Albas Besuch ist Liams Wohnung wieder so still wie immer.
Das ist nicht ungewohnt – er hat zwei Jahre allein gelebt und kommt gut damit zurecht.
Aber an dem Montag nach Albas Abreise sitzt er abends in der Küche, trinkt Tee und bemerkt, dass der Stuhl ihr gegenüber leer ist, und denkt: Eigentlich könnte ich mehr Menschen kennenlernen.
Das ist für Liam ein bedeutsamer Gedanke.
In England hatte er Freunde – Schulfreunde, Studienfreunde, Arbeitskollegen, die irgendwann auch Freunde wurden.
Aber das hatte Zeit gebraucht, Jahre sogar, und war immer irgendwie passiert.
Niemand hatte sich hingesetzt und beschlossen: Jetzt knüpfe ich soziale Kontakte.
Liam beschließt es jetzt.
Er fragt Thomas am nächsten Tag im Büro beiläufig zwischen zwei Meetings.
Liam:Thomas, machst du eigentlich Sport?
Liam:Außer Oktoberfest, meine ich.
Thomas:(leicht beleidigt) Das Oktoberfest ist kein Sport.
Liam:Ich weiß. Ich meine richtigen Sport.
Thomas:Ich laufe. Donnerstagabends, mit einer Gruppe.
Thomas:Am Englischen Garten – dreimal die Woche, aber ich komme nur donnerstags.
Liam:Kann man einfach...
Liam:mitmachen?
Thomas schaut ihn an.
Dann lächelt er langsam.
Thomas:Ich habe mich gefragt, wann das kommt.
Die Gruppe trifft sich am Donnerstagabend um achtzehn Uhr dreißig am Südeingang des Englischen Gartens.
Als Liam ankommt – pünktlich, natürlich, etwas zu früh –, stehen bereits sieben oder acht Menschen da und dehnen sich mit der Ernsthaftigkeit von Leuten, die das regelmäßig tun.
Thomas stellt ihn vor: „Das ist Liam.
Er läuft zum ersten Mal mit.
Geht langsam mit ihm.
Liam:Ich bin nicht völlig unsportlich.
Thomas:Das hat noch jeder gesagt.
Der Gruppenleiter – ein sehniger Mann Mitte vierzig namens Stefan, mit der Körperhaltung eines Menschen, der auch im Stehen zu laufen scheint – schüttelt Liam die Hand.
Stefan:Willkommen. Wie fit bist du, ehrlich gesagt?
Liam:Ich gehe viel zu Fuß.
Stefan:(nickt sachlich) Wir laufen heute acht Kilometer.
Stefan:Wenn du nicht mehr kannst, sagst du Bescheid und läufst einfach zum Treffpunkt zurück.
Stefan:Kein Drama.
Liam:Verstanden.
Sie laufen los.
Die ersten zwei Kilometer sind gut.
Der Englische Garten im Abendlicht ist sehr schön – die Kastanien werfen lange Schatten, irgendwo grillt jemand, die Luft riecht nach frisch gemähtem Gras.
Liam läuft neben einer Frau Mitte dreißig, die sich als Chiara vorstellt – Italienerin, seit vier Jahren in München, Unternehmensberaterin.
Chiara:Du bist auch nicht von hier?
Liam:Engländer. Seit zwei Jahren in München.
Chiara:Wie findest du es?
Liam:Am Anfang... kompliziert.
Liam:Inzwischen— (atmet aus) —inzwischen gut.
Chiara:Ja. Das Ankommen dauert.
Chiara:(lächelt) Ich habe anderthalb Jahre gebraucht, bis ich nicht mehr jeden Abend nach Hause telefoniert habe.
Liam:Ich telefoniere jeden Sonntag mit meiner Mum.
Chiara:Das zählt noch als gesund.
Sie laufen weiter.
Bei Kilometer drei merkt Liam, dass das Gespräch leichter fällt als das Laufen.
Beim fünften Kilometer – die Strecke führt an der Isar entlang – fällt ihm etwas auf: Er redet.
Er redet auf Deutsch, ohne nachzudenken, mit Menschen, die er vor einer Stunde nicht kannte.
Chiara auf seiner linken Seite, ein Münchner namens Benedikt auf seiner rechten, der alte Fahrräder restauriert und sehr viel darüber zu sagen hat.
Das Laufen hingegen ist anstrengend.
Bei Kilometer sechs bleibt Liam etwas zurück.
Stefan läuft kurz neben ihm.
Stefan:Alles gut?
Liam:Ja, ja. (atmet) Ich bin nur...
Liam:beim Reden etwas langsamer geworden.
Stefan:(trocken) Das passiert manchmal.
Liam:Ist das ein Problem?
Stefan:Für das Laufen schon.
Stefan:Für alles andere nicht.
Er zieht wieder davon.
Liam nimmt sich zusammen und schließt zur Gruppe auf.
Beim zweiten Treffen eine Woche später läuft Liam neben Benedikt, der ihm erklärt, wie man einen alten Dreigangschalter restauriert, und neben einer Frau namens Susi – Grundschullehrerin, mit der ruhigsten Stimme, die Liam je bei einem laufenden Menschen gehört hat.
Nach der Einheit stehen sie am Treffpunkt zusammen.
Thomas lehnt an einem Baum und schaut Liam mit dem Blick eines Mannes an, der etwas wusste.
Thomas:Und?
Liam:Das Laufen ist anstrengend.
Thomas:Das sagst du nach zwei Einheiten.
Liam:Das Reden ist sehr gut.
Thomas:(nickt zufrieden) Das sagst du auch nach zwei Einheiten.
Liam schaut auf die Gruppe: Chiara, die Benedikt etwas auf dem Handy zeigt.
Susi, die Stefan nach dem Streckenprofil für nächste Woche fragt.
Zwei jüngere Männer, die er noch nicht kennt, aber kennenlernen möchte.
Interesting, denkt er.
Das ist eigentlich sehr interesting.
Am Abend, noch mit dem angenehmen Erschöpfungsgefühl in den Beinen, ruft Liam Alba an.
Alba:Liam! Wie war die Laufgruppe?
Alba:Heute war doch das zweite Mal?
Liam:Ja. Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht.
Alba:Was?
Liam:Ich laufe weniger gern, als ich auf Deutsch rede.
Alba:(lacht) Das ist die unerwartetste Aussage, die du je gemacht hast.
Liam:Ich meine das ernst.
Liam:Beim Laufen denke ich ans Atmen.
Liam:Beim Reden denke ich ans Reden.
Liam:Beides gleichzeitig geht schlecht.
Alba:Aber du machst weiter?
Liam:Ja.
Alba:Wegen des Redens oder wegen des Laufens?
Liam:(kurze Pause) Wegen beidem.
Liam:Hauptsächlich wegen des Redens.
Alba:(lacht) Das klingt sehr nach dir.
Liam:Thomas hat dasselbe gesagt.
Liam:(Pause) Es gibt eine Italienerin, Chiara, seit vier Jahren in München.
Liam:Sie hat gesagt, das Ankommen dauert.
Liam:Das hat mir etwas bedeutet – dieses Verständnis ohne viel erklären zu müssen.
Liam:Weil wir beide wissen, wie es sich anfühlt.
Alba:Das ist das Beste an Menschen, die nicht von hier sind.
Alba:Man muss nicht erklären, warum man manchmal nicht weiß, wie man sich verhalten soll.
Liam:Genau das. (Pause) Benedikt ist Münchner.
Liam:Aber er redet so viel, dass man gar keine Zeit hat, ans Laufen zu denken.
Alba:Das klingt ein bisschen wie ich.
Liam:Ein bisschen. Nur über Fahrräder.
Alba:(lacht) Wirst du beim Laufen besser?
Liam:Wahrscheinlich.
Liam:Mit der Zeit.
Alba:Das klingt wie eine sehr deutsche Antwort.
Liam:Man lernt hier, dass die meisten Dinge Zeit brauchen.
Liam:(Pause) Nächste Woche: weniger reden, mehr laufen.
Alba:Das wäre ein guter Vorsatz.
Liam:Das wäre Konjunktiv II.
Alba:Das war Konjunktiv II.
Liam:Frau Henkel wäre stolz.
Liam:Gute Nacht, Alba.
Alba:Gute Nacht, Liam.
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